Zwölftens: Rüstige Naturboys, Bert Brecht, die Hinterfotzigkeit von Lebensprämissen und pathologisches Verlangen #NatureBoy

Bertolt Brecht Mashup - by #TTT

Es war ein langhaariger Mann in merkwürdiger Kleidung. Er heißt Eden Ahbez, gehört der Sekte der Yogis an, trinkt und raucht nicht und wohnt abseits in einer Hütte in der Umgebung von Los Angeles. Jetzt hat er sich einen Jeep und einen Schlafsack für zwei Personen gekauft. Von der ersten Tantiemen-Auszahlung für sein zerknülltes Notenblatt. Die Zettelgeschichte steht in jeder Zeitung der Musikbranche. (Der Spiegel, 1948, Link unten)

Ein rüstiger Wandersmann namens Robert Bootzin, genannt ‚Gipsy Boots‘, über dessen Leben man Nat King Cole einen kleinen, zerknüllten Zettel zusteckt. Cole macht in jener Zeit (1946) einen Bogen um Amateure, die ihm Songs anbieten. Es sind die Widrigkeiten jener Zeit. Cole versucht erfolgreich zu sein und vielen alles recht zu machen. Doch es gelingt Eden Ahbez, das Stück bei Cole zu platzieren, Nat King Cole erkennt das Potential dieser lebendigen Geschichte in ABAB-Form. Irving Berlin rät ihm zu, den Song zu kaufen. Der Song wird ein Nummer 1-Hit 1948.

Kurze Zeit später singt ihn Frank Sinatra, Sarah Vaughan und Dick Haymes platzieren eigene Versionen auf veritablen Chartpositionen.

Sogar drei Frauen und vier Männer soll er zum Selbstmord veranlasst haben, schreibt der Spiegel am 04.09.1948.

Nature.Boy_Lyricsplitter

Aber das kennt man ja. In der Geschichte der populären Musik gab es immer mal wieder Lieder, deren suizidale Wirkung auf Hörer fürderhin als beweisbar erachtet wurde: Immer wieder werden solche Songs mit Spielverboten belegt. Zensur ist, wenn Musik einen tödlich erreicht.

In vollkommen anderer Absicht haben die Xtraordinary JazzBirds den Song in ihr Programm „The World Will Always Welcome Lovers“ aufgenommen. Vielleicht sind auch einfach die Zeiten inzwischen andere. Die Suizidalität ist verflogen. Man sagte ja auch Country- und Westernmusik solche Wirkungen nach, aber Hand aufs Herz: Wer Dolly Parton oder erst kürzlich Miley Cyrus ein Jolene hat schmettern hören, denkt doch nicht daran, sich umzubringen. Vielleicht bis auf wenige Ausnahmen: Wenn Fernliebe und Verlangen tödlich werden.

Aber das ist eine ganz andere Anamnese und die gehört in die Abteilung für Pathologie, ja tödliche Einsamkeit. Nat King Coles Absichten hingegen waren klar: „Ich möchte den Menschen miteinander Harmonie helfen unterzubringen mit meiner Musik.“ Aber auch: „Ich spiele nicht für Musiker. Wir versuchen, den einfachen Mann zu erreichen, der den ganzen Tag arbeitet und der am Abend einen Dollar dafür verwendet, dass wir ihn happy machen.“ – So in etwa sind die Absichten gewesen. Schöner Song.

Weiterführend

Posted on: 9. Juli 2016, by :

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